Marco Krille · Berlin
Suizidprävention
Was bei psychischen Krisen helfen kann und warum direktes Ansprechen wichtig ist.
Wenn du gerade selbst in einer Krise bist oder dir akut Sorgen um einen Menschen machst, findest du auf „Hilfe finden“ Krisendienste und Anlaufstellen. Bei unmittelbarer Gefahr wähle 112.
Woran ich merken kann, dass etwas nicht stimmt
Es gibt kein sicheres Zeichen und keine Checkliste, die verlässlich funktioniert. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention nennt trotzdem Veränderungen, bei denen es sich lohnt, genauer hinzusehen.
Ein Mensch zieht sich von Freunden und Familie zurück. Wichtige Gewohnheiten ändern sich. Ernährung und Körperpflege werden vernachlässigt. Das Äußere verändert sich. Stimmung, Schlaf und Verhalten geraten durcheinander. Jemand spricht direkt oder in Andeutungen davon, nicht mehr leben zu wollen. Jemand verabschiedet sich, verschenkt Dinge oder regelt plötzlich sein Testament. Jemand geht größere Risiken ein als sonst, im Straßenverkehr oder beim Konsum von Alkohol und anderen Substanzen.
Die Berliner Fachstelle Suizidprävention weist außerdem darauf hin, dass es auch ein Warnsignal sein kann, wenn es einem Menschen nach einer langen, schweren Krise auf einmal deutlich besser geht.
All das kann ein Hinweis sein, muss es aber nicht. Warnsignale sehen bei jedem Menschen anders aus, manche zeigen gar keine. Wenn du jemanden durch Suizid verloren hast, heißt das ausdrücklich nicht, dass du etwas hättest merken müssen. Niemand trägt allein die Verantwortung dafür, einen Suizid zu verhindern. Wissen hilft aber dabei, früher Unterstützung zu holen.
Direkt nach Suizidgedanken fragen
Die Sorge, dass eine direkte Frage Suizidgedanken erst auslösen könnte, hält viele Menschen vom Gespräch ab. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention schreibt in ihren FAQ, dass ein offenes und einfühlsames Gespräch entlasten kann und direktes Ansprechen niemanden erst auf die Idee bringt.
Eine mögliche klare Frage ist „Denkst du darüber nach, dir das Leben zu nehmen?“ Du brauchst dafür nicht die perfekte Formulierung. Wichtiger als der richtige Satz ist, dass du überhaupt fragst und danach zuhörst, statt schnell eine Lösung anzubieten.
Was mache ich, wenn die Person Ja sagt?
Ernst nehmen und dableiben
Ruhig zuhören, nicht bagatellisieren und die Person mit dem Gesagten nicht alleinlassen.
Nach der aktuellen Gefahr fragen
Fragen, ob es konkrete Suizidgedanken oder Pläne gibt und ob die Person sich im Moment in unmittelbarer Gefahr sieht. Du musst das nicht allein einschätzen.
Bei akuter Gefahr sofort Hilfe holen
Bei konkreter, unmittelbarer Gefahr die Person nicht alleinlassen und den Notruf 112 rufen. Die DGS empfiehlt im Zweifel, lieber zu früh als zu spät zu handeln.
Professionelle Unterstützung einbeziehen
Gemeinsam Krisendienst, psychiatrische Notaufnahme, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 oder andere passende Hilfen kontaktieren.
Denk auch an dich
So ein Gespräch kann viel auslösen. Du musst das nicht allein tragen. Wenn du dir Sorgen um einen Menschen machst, kannst du selbst Unterstützung bei einer Beratungsstelle, einem Krisendienst oder einer Selbsthilfegruppe holen. Auf „Hilfe finden“ stehen auch Angebote für Angehörige und Zugehörige.
Wichtig: Diese Hinweise ersetzen keine professionelle Einschätzung. Bei unmittelbarer Gefahr gilt 112. Ausführliche Hilfsangebote findest du auf „Hilfe finden“.
Was im Gespräch nicht hilft
Nicht wegargumentieren. Sätze wie „dafür gibt es doch gar keinen Grund“ oder „denk an deine Familie“ sind gut gemeint und kommen als Vorwurf an.
Nicht sofort Lösungen anbieten. Wer in einer solchen Krise steckt, hat die naheliegenden Ratschläge längst durchgespielt.
Nicht schockiert reagieren, wenn du kannst. Die Person hat gerade etwas gesagt, wofür sie viel Mut gebraucht hat.
Keine Geheimhaltung versprechen. Viele sagen im Gespräch reflexhaft zu, niemandem etwas zu erzählen, und stehen danach allein mit etwas da, das sie nicht tragen können. Sag lieber ehrlich, dass du bei akuter Gefahr Hilfe holen wirst. Wenn du dafür ein Versprechen brichst, ist das in diesem Moment richtig.
Nicht so tun, als hättest du nichts bemerkt. Das Schweigen fühlt sich für dich sicherer an, für die andere Person bestätigt es, dass sie mit dem Thema allein bleibt.
Hilfe rund um die Uhr
TelefonSeelsorge
Kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Ärztlicher Bereitschaftsdienst
116 117
Unmittelbare Gefahr
112
Suizidprävention als Vortrag
Ich arbeite in Vorträgen mit genau diesen Fragen. Wie spreche ich jemanden an, was mache ich bei einem Ja, wo hört meine Rolle auf und was brauchen Schulen, Betriebe und Einrichtungen, damit Hilfe nicht erst im Notfall beginnt. Mein persönliches Erfahrungswissen grenze ich dabei klar von Therapie, Diagnostik und individueller Krisenberatung ab.
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